GOtravel

 

Pilgern von für und mit Anfängern

 

 

Pilgern - sogleich formen sich im Kopf harmonische Bilder von entspanntem Wandern in blühender Natur mit einem kräftigen Stock in der Hand und Gleichmut im Herzen. Wir vom investigativen journalistischen Pilgerkollektiv räumen auf mit diesem Vorurteil und beleuchten in unserem Pilger Podcast auch die Schattenseiten von Laufen, Schlafen und Essen. Lesen Sie hier über die Via de la plata, knapp 1.000 Kilometer von Sevilla nach Santiago, in einigen Akten. Wie viele? Mal schauen. Falls wir Gott treffen, fragen wir ihn. Der muss es ja wissem. Bei etwaigen Fragen an Gott, nutzen Sie bitte unten stehende Kommentarfunktion. Wir leiten diese gerne weiter... sofern wir ihn treffen.

 

Hier geht's lang zum Pilger Podcast.

 

 

Heimkommen

 

 

Die Anschnallzeichen leuchten auf. Der Rumpf des Airbus senkt sich kaum merklich. Zwischen einigen Wolkenfetzen erhasche ich einen Blick auf akkurat abgesteckte Weidenvierecke. Erstaunlich grün für diese Jahreszeit. Aber nicht verwunderlich, ist es doch laut des Wetterberichts ein sehr warmer Dezember. In meinen Tagträumen von diesem Moment hat es immer geregnet und der kalte Wind nur so gepfiffen. Nach monatelangen heißen Temperaturen wollte ich es möglichst ungemütlich haben, wenn ich aus dem Flieger steige. Verwunderlich, wonach es einem sehnen kann.... Ich kneife meine Augen zusammen, um besser sehen zu können. Und da erspähe ich sie, zwei dunkle Türme, die in den grauen Tag ragen: Der Kölner Dom. Ich bin zu Hause. So gut wie. Beinahe möchte ich heulen. Der Anflug auf den Köln/Bonner Flughafen hat begonnen. Ich bin aufgeregt. Wahnsinnig aufgeregt. Niemand, bis auf eine ganz kleine Gruppe Eingeweihter, weiß, dass ich gerade über ihnen schwebe und nicht, wie vermutet, Weihnachten in Thailand verbringe. Mein erster Schritt zurück auf heimischem Boden ist surreal, bin ich doch vor nur knapp 11 Stunden in den Flieger gestiegen. Kürzer als die Busfahrt von Siem Reap/Kambodscha nach Don Det/Laos. Ich trenne mich am Gepäckband von meiner Flugbekanntschaft und haste zum Flughafenbus. Ein halbes Jahr habe ich einen 10-Euroschein mit mir durch acht Länder geschleppt. Jetzt kann er endlich seinen Nutzen erfüllen und mich nach Bonn bringen.

 

Am Bahnhof angekommen packe ich ein paar Klamotten in meinen kleinen Rucksack und wuchte die große Tasche in eines der Schließfächer im Hauptbahnhof bei den Abgängen zur U-Bahn. Ich schlage meinen Jackenkragen hoch, ziehe meine Mütze tief ins Gesicht und versuche mir möglichst unbemerkt meinen Weg vorbei an den hellerleuchteten Weihnachtsmarktbuden Richtung Altstadt zu bahnen. Ich komme mir wie ein schlechter Geheimagent vor. Meine 1. Mission: Meine liebe Freundin Sibylle in ihrer Wohnung überraschen. Eigentlich wollte sie heute schon nach Wesel zu ihren Eltern fahren, aber ihr Freund, ein Eingeweihter, hat sie unter dem Vorwand, dass er eine geheimnisvolle Überraschung fūr den heutigen Abend plane, in Bonn gehalten. Derzeit befindet sie sich außerdem in dem Glauben, dass wir um Punkt Vier Uhr nachmittags einen Plausch über Skype halten werden. An der Ampel am Bonner Stadthaus tippe ich jeweils eine Nachricht an Bille und an ihren Freund Brandon in mein Handy, dass ich mich um 10 Minuten verspäten würde. In diesem Moment höre ich hinter mir jemanden rufen. Zu Anfang noch zögerlich, aber dann immer eindringlicher. Jetzt ist die Stimme auf meiner Höhe: "Kathi?!" Und dann fängt sie an zu schluchzen. Es ist Sibylle, die mir wohl auch soeben eine Nachricht geschrieben hatte, dass sie sich, weil sie in der Stadt noch nach Weihnachtsgeschenken schauen würde, um ein paar Minuten verspäten würden. Völlig erschüttert und ungläubig starrt sie mich an und wir fallen uns in die Arme. Nun schluchze auch ich.

 

Wochenlang hatte ich mir vorgestellt, wie es sei, wenn ich die erste Person überraschen würde. Besonders stark hatte mich der Gedanke an meine Freunde und Familie zu Hause, in der Zeit meiner schweren Infektion getragen. Und jetzt war er da. Nicht so, wie akribisch geplant, sondern viel besser und emotionaler. Leider gibt es darüber keine Aufzeichnungen, aber im Folgenden habe ich ein kleines Video von den bewegenden Momenten zusammengestellt, die vielleicht einen kleinen Eindruck davon vermitteln, wie es für mich war, heimzukommen. So schön das Leben in der großen weiten Welt auch ist. So schön ist es auch, wieder zu den Menschen zurückzukehren, ohne die das Leben auch mit noch so viel Abenteuer grau und fade wäre. In diesem Video ist nur ein kleiner Teil dieser Welt zu sehen. Einige Wenige, wie zum Beispiel mein Bruder, mussten vorher Bescheid wissen, um rechtzeitig einen Zug in die Heimat zu buchen und das Weihnachtsfest zu planen. Andere mussten arbeiten oder hatten anderweitige Verpflichtungen. Aber ob überrascht oder nicht, es war mir eine wahnsinnige Freude in den zehn Tagen die ein oder andere wertvolle Stunde mit meinen Liebsten zu verbringen. Ich danke allen Eingeweihten für ihre Hilfe. Ich werde diese Momente nie vergessen und auch nicht die Berge an Käse, die ich aß...

 

 

Ihr derzeitiger Karmapunktestand beträgt: 0 PUNKTE

 

 

Karma - Verkürzt zusammen gefasst: Tue Gutes, empfange Gutes. Oder Gegenteiliges. Klingt einfach. Manche Menschen können, so die Annahme, sogar ihren Karmapunktestand beizeiten ordentlich aufladen und dann eine ganze Weile davon zehren oder ihn wissentlich beinflussen. Ein uraltes Geheimnis, das mir von einem Mädchen auf einem rauschenden, chinesischen Grillfest in Luang Prabang verraten wurde und das für mich zu diesem Zeitpunkt leider zu spät kam.

 

Internationales Grillfest in Luang Prabang

Es war Ende November und ich war mit unserer kleinen Reisegruppe, bestehend aus meinem Reisekumpanen Alex, der Französin Sego, Joshua aus Hannover und dem Israeli Aviv in dem miesesten Hostel der Stadt abgestiegen. Nun, was soll ich sagen, der Preis stimmte. Aber auch das schimmelige Bad und die mit wahnsinning dünnen Matrazen belegten Holzpritschen taten der Stimmung keinen Abbruch. Am wenigsten ließen sich die anwesenden Chinesen von diesem doch recht dürftigen Ambiente beirren. Ying ließ sich sogar so weit hinreißen, mir im gebrochenem Englisch zu verklickern, dass das Hostel ein "sehr schönes HOTEL sei!" Vielleicht meinte er die Atmosphäre unter den Gästen, denn die war wirklich sehr angenehm. So nett, dass Ding kurzerhand eine Barbeque-Party anberaumte. Seine Freunde und Landsleute, die ich meist nur, inklusive Ying, vor dem Hostel Kette rauchen sah, wuselten schon gegen Mittag durch die kleine Küche, um genügend chinesische Grillspezialitäten vorzubereiten. Und die konnten sich sehen lassen. Als ich mich am Abend aus der Stadt zurück gen Hostel aufmachte und die Uferpromenade des Mekong hinanblief, konnte ich das hell lodernde Barbeque schon aus der Ferne sehen und gleichzeitig auch schon die leicht beschwipsten Chinesen hören. Ruckzuck bekam ich ein Bier in die eine Hand und einen geschmorten Schweinespieß in die andere. Ein paar gegrillte Kartoffeln später war die Party im vollem Gang und die Terrasse füllte sich stetig. Die jungen Chinesen ließen es sich nicht nehmen, jeden, der auf der Straße vorbei lief, prompt einzuladen. Auf dem Höhepunkt der rauschenden Sause erklärte mir Li, eine junge Chinesin, dass jetzt die ganze Partygemeinschaft mal kurz zusammen mit ihr drei Straßen weiter zu einem Hotel müsste. Denn dort seien zwei frischvermählte Landsleute abgestiegen und würden ihre Hochzeit feiern. Ob sie die Leute kennen würde, fragte ich. Nein, sagte Scho, aber es gäbe gutes Karma, würden wir dorthin gehen und gratulieren. Schien mir nicht besonders selbstlos, aber wenns hilft .... Ob dem wirklich so ist, kann ich nicht sagen, denn zu diesem Zeitpunkt war es wahrscheinlich schon zu spät für mich. Ich hatte meine Karmapaybackkarte wohl einmal zu oft zu Hause gelassen. 

 

Krankenzimmer in Luang Prabang

Nur ein paar Tage später, erwachte ich auf meiner steinharten Pritsche schweißnaß und dennoch bibbernd. Ein Blick aufs Fieberthermometer gab die Gewissheit. 39,5 Fieber. Im Krankenhaus angekommen stieg die Temperatur stetig weiter über die 40 Gradmarke. Zwischen den Schüttelfrostkrampfattacken, verfiel ich in einen fiebrigen Dämmerzustand mit Wahnvorstellungen. Wahrscheinlich das beste, sonst hätte ich noch gemerkt, dass die Krankenschwestern beim Infusionenlegen nur zu 80 Prozent Handschuhe trugen, mein Bettlaken in fünf Tagen nicht gewechselt wurde, ich die ersten Tage keine Decke gestellt bekam, mein Infusionsständer sich nicht bewegen ließ und Alex den Infusionsbeutel jede halbe Stunde an der mit blutbeschmierten Toilettenkabine auf dem Gang für mich halten musste, da ich durch den wilden Wechsel der Medikamente dauerhaft Diarrhoe und Übelkeit bekommen hatte. Vielleicht hätten mich auch die Blicke der anderen Patienten genervt, die mich, während ich laut schreiend meine Galle ins dreckige Waschbecken herausschleuderte, durch eine Glasscheibe zum Flur, interessiert anstarten. Wahrscheinlich hätte ich auch sonst den vertrockneten Gekko in meinem Zimmer entdeckt, der dort wohl schon vor einer Weile verstarb. 

 

Vitaltests im Ambulanzflugzeug

Dank einer thailändischen Krankenschwester, die mir mit den Worten: "Du musst hier raus. Ich habe hier Dinge gesehen, die willst du gar nicht wissen!" Mut gemacht hatte, erreichte an Tag Fünf aber schließlich ein thailändisches Ärzteteam und ein Regierungsbeamter Luang Prabang und flogen mich aus Laos nach Thailand ins Bangkok Hospital aus. Dort ließ ich mir dann auch nach meiner Genesung später kurzerhand die Zähne wieder richten, von denen ich mir Monate zuvor in Vietnam beim Oreokekskauen jeweils ein ordentliches Stück Material abgebrochen hatte. Der Beginn einer Aneinanderreihung von schlechten Karmabegebenheiten: In Kambodscha wurde mir einen Monat später mein Portmonaie gestohlen, in Laos daraufhin das Handy - oder ich verlor es, entscheidend ist, es war weg, inklusive aller Fotos. In Vang Vieng geriet ich außerdem in eine Meinungsverschiedenheit mit einem Ladyboy und verlor ebenfalls. Mit dem Ergebnis, dass ich fünf Minuten nichts hören konnte und aus der Lippe und dem Ohr blutete. Darauffolgend? Nun ja, den tropischen Virus erwähnte ich ja schon. In Pai/Thailand stürzte ich ein paar Wochen später bös mit dem Roller und fing mir zu guter letzt kurz darauf eine Mittelohrentzündung ein.

 
Ambulanzflugzeug nach der Landung in Bangkok

Bei all diesen Punkten könnte man meinen, ich sei ein ziemlich schlechter Mensch und sollte mich beizeiten mal wieder an einem chinesischen Ehepaar reiben. Aber wenn ich es genau betrachte, dann wird mir klar, dass ich so mies eigentlich gar nicht sein kann, sondern nöglicherweise ein ziemlicher dufter Typ. Ich habe die großartige Möglichkeit, ein außergewöhnliches Abenteuer zu erleben und dazu gehören eben außergewöhnliche Momente - auch wenn nicht alle erfreulich sind. Und in diesen verrückten Momenten haben mich immer wieder ganz wunderbare Menschen unterstützt, denen zum Teil in der Rubrik GOPeople Ruhm und Ehre zu Teil werden soll. Allen anderen Helfern in Not möchte ich hiermit herzlich danken. Besonderer Dank gilt Alex, ohne den ich wahrscheinlich dieser Tage neben dem getrockneten Gekko im laotischen Krankehaus ein trauriges Dasein fristen würde.

Krankenzimmer in Bangkok

Ich will mich nicht falsch verstanden wissen, denn von der Idee "Tue Gutes und Dir wird Gutes widerfahren" bin ich immer noch fest überzeugt. Allerdings würde ich das Aufladen des Karmapunktekontos mindestens zur Diskussion stellen. Denn wenn ich mir Alex so betrachte, kann das nicht ganz stimmig sein. Ohne übetreiben zu wollen, würde ich ihn als einen der selbstlosesten Menschen in meinem Umfeld beschreiben. Wenn es also danach ginge, müsste er stets putzmunter durch die Gegend rennen. Doch nach knapp vier Monaten und mehreren Arztbesuchen mit eindeutigen Symptomen wurde ihm in Neuseeland "endlich" und richtigerweise ein Wurm unter der Haut attestiert und just in diesem Moment warten wir darauf, dass er nach tagelangen Schmerzen eine Wurzelkanalbehandlung bekommt.

 

In diesem Sinne bleibt mir nur zu sagen: Bleibt stets anständig und freundlich zu jedem Menschen, ohne direkt es etwas zu erwarten. Denn ich möchte hier noch einmal betonen, dass mir in all den schwierigen Zeiten Menschen aus der ganzen Welt geholfen haben, unabhängig ihrer finanziellen Situation, ihrer Religion, Herkunft oder ihres Geschlechts. Der "besorgte Bürger" verstrickt sich in diesen Zeiten vielleicht einmal zu oft in irrationalen Sorgen und vergisst, was uns Menschen zu einem sozialen Wesen macht: Emphathie. Nicht unwichtig, in einer Welt in der es demographisch bedingt schwerlich möglich ist, nicht menschlich zu interagieren. Forscher haben herausgefunden, dass sogar viele Tiere zum Teil emphatisch oder jedenfalls rudimentär emphatisch mit ihrer Umgebung agieren. In der Welt der Menschen fehlt diese Gabe in der Regel nur Personen mit schweren psychischen Problemen, wie Psychopaten und Massenmördern. Ein Grund mehr, sich an und über die eigene Emphatie zu erfreuen. Und die haben all diese Menschen in all diesen unterschiedlichen Ländern für mich empfunden, ohne zum Teil auch nur mehr als drei Worte mit mir gesprochen zu haben. Im Vergleich zu vielen dieser Menschen, geht es dem "besorgten Bürger" gut. Aber vielleicht gerät er eines Tages auch einmal in eine schwierige Situation. Dann wäre es sehr schade, würde ihm jemand sagen: Das Boot ist voll, ich kann dir nicht mehr helfen. 

 

#GOhumanitas

 

 

It's always the same bus

 

 

Klappern gehört ja bekanntermaßen zum Handwerk und geklappert wurde so einiges bei den Busunternehmen in Vietnam, Kambodscha und Laos. Wir empfanden die Überlandfahrten durch Südostasien als gelungene Art zu reisen. Man lernte die einheimische Bevölkerung kennen, sah etwas vom Land und kam immer wohlbehalten ans Ziel. Eine Sache allerdings verwunderte uns zunehmend: Es gibt eine manigfaltige Auswahl an Angeboten. Diese reichen vom Standard-Bus, über sogenannte VIP-Busse bis hin zu fahrenden Hotels ("Hotel-Bus"). Alle Angebote hatten aber eine Sache gemein: Es war immer der gleiche Bus. Was hingegen teils deutlich unterschiedlich war, war der Preis.

 

Zu schön, um sich Gedanken zu machen - Halong Bucht

Unsere erste Erfahrung machten wir in Hanoi, als wir einen mehrtägigen Ausflug an und in die Halong Bucht machten. Wir waren zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich erschöpft von unserer mehrwöchigen Anreise aus St. Petersburg. Das lag wohl an der Tatsache, dass wir die gesamte Strecke nach Nordvietnam per Bus und Bahn abgerissen hatten. So jedenfalls kam es, dass wir die Tour direkt im Hostel gebucht hatten. Entgegen verschiedenster Angebote in der Innenstadt war dies zwar etwas teurer, aber wir hingen noch dem Gedanken "you get what you pay for" nach - was im Wesentlichen ja auch stimmt. So stapelte man uns ganz nach dem Tetrisprinzip in einen Minivan und karrte uns aus den engen Gassen der vietnamesischen Hauptstadt an den Stadtrand. Dort wurden wir samt anderer menschlicher Bausteine in einen etwas größeren Bus gestapelt und los ging die Reise. Bei schönstem Wetter tauschten wir uns auf dem Ausflugsboot mit unserem Guide über das Land samt seiner Bevölkerung aus und stellten währenddessen fest, dass alle Mitausflügler bei verschiedenen Touranbietern gebucht hatten - mit unterschiedlichen Preisen. Na gut, passiert und ist egal. Schließlich ist die Landschaft viel zu beeindruckend, als dass man sich darüber Gedanken machen sollte.

 

Nix für lange Beine - Minivan in Kambodscha

Die nächste Episode wurde dann in Kambodscha geschrieben. Wir verbrachten einen großartigen Abend mit Ally und Chris in Siem Reap und wollten am nächsten Tag mit dem Boot flußabwärts nach Phnom Penh schippern. Als wir am nächsten Tag die Tickets kaufen wollten, eröffnete man uns, dass der Fluß zu wenig Wasser führt und eine Bootsreise nicht möglich sei. Verwundert über diese Tatsache inmitten der Regenzeit entschieden wir uns stattdessen, mit Ally und Chris den Nachtbus nach Sihanoukville zu nehmen. Also gingen wir mit deren Tickets zur Rezeption und fragten nach zwei weiteren Plätzen. Uns wurde gesagt, dass dieser Bus (Abfahrt 20:30 Uhr) leider ausgebucht ist, wir aber den Bus um 20:00 Uhr vom selben Abfahrtsort nehmen könnten. Gesagt, getan. Während wir zu viert auf unsere Busse warteten, machte Chris ein Nickerchen. Ally, Alex und ich hingegen vereinbarten einen Treffpunkt in Sihanoukville. Geweckt von unserem Gerede warf Chris nur in den Raum: "You don't need to figure out a meeting point. It's always the same bus!" Er sollte Recht behalten, denn kurze Zeit später lagen wir nicht nur im selben Bus, sondern auch nur eine Schlafkabine weiter. 

 

Zu Fuß nach Laos

Der größte Spaß ereignete sich aber auf unserer Weiterreise von Kambodscha nach Laos. Wieder einmal wurden wir in einen Minivan verfrachtet und damit in einer mehrstündigen Fahrt in Richtung der laotischen Grenze gebracht. Dort passierte das gleiche wie in Vietnam: Einige Vans hielten vor Ort und verschiedenste Reisegruppen wurden in einen größeren Tourbus geladen. Gemeinsam und im selben Bus ging es dann an die laotische Grenze bzw. zu einem 500m davon entfernten Restaurant. Hier wurde uns eröffnet, dass es ja Sonntag sei und sonntags die Grenzen geschlossen sind. Für gerade mal 5$ würde man uns aber nach Laos schaffen und für nur weitere 5$ könnten wir die Formalitäten direkt vor Ort im Restaurant erledigen. Während sich allgemeine Verwunderung breit machte, bat ein sichtlich genervter Alex den "Reiseleiter" ihm doch in die Augen zu sehen und zu versichern, dass die Grenze wirklich geschlossen sei - in einem Land, in dem augenscheinlich 24 Stunden am Tag an 7 Tagen in der Woche nahezu alles geöffnet ist. Den Augenkontakt nicht erwidernd und Alex ignorierend setzte er seine Erklärungen fort. Er fügte lediglich noch hinzu, dass wir nicht mehr in den Bus einsteigen könnten, sobald wir aus Kambodscha "ausgecheckt" haben. Das verunsicherte uns zwar noch mehr als ohnehin schon, dennoch hatten wir das Prinzip "It's always the same bus" durchschaut. Kurzum: Wir mussten unsere Rucksäcke aus dem Bus nehmen, uns einige böse Blicke gefallen lassen und nahmen den Weg zur Grenze mit ein paar weiteren Zweiflern zu Fuß auf uns. Dort angekommen ging alles recht schnell. Formular hier, Stempel dort und schon waren wir in Laos. Und siehe da: Eine Weile später kam dann auch der Rest der Busbelegschaft an der Grenze an, passierte diese und wartete dann mit uns gemeinsam auf den laotischen Bus, der uns zu den 4000 Islands brachte. Dass zusätzlich zu den "Sonntags-Gebühren" verschiedene Preise für die Bustickets bezahlt wurden, versteht sich von selbst.

 

Alex möchte sich nicht falsch verstanden wissen. Südostasien ist für europäische Verhältnisse wahnsinnig erschwinglich und dass jeder versucht seinen Teil vom Kuchen abzubekommen ist weltweit Gang und Gäbe. Aber mit einer falschen Story über geschlossene Grenzen ein paar Scheine abzugreifen, war einfach kein feiner Zug. Ehrlicher wäre es gewesen, zu sagen: "Hey, passt mal auf. Draußen brennt die Sonne, hier ist es gemütlich. Für eine kleine Servicegebühr übernehme ich die Formalitäten für euch und ihr entspannt euch derweil." Glücklicherweise war das die einzige Erfahrung dieser Art in diesem so liebenswerten Teil der Welt. 

 

 

 

Auf den Spuren Dshingis Khans oder auch

als das Kamel auf Modern Talking traf

 

 

Ein Abenteuer in fünf Akten

 

1. Akt


Eine Grenzstation im Nirgendwo nahe der russisch-mongolischen Grenze. Hier scheint die Welt zu Ende zu sein. Russland ausgefranst, Moskau eine blasse Erinnerung. Ein letzter Borschtsch im winzigen Dorfladen, dessen Besitzerin und die Einrichtung anmuten, als wären sie in einer Zeitschleife gefangen.

 

Dorfladen in Nauschki

Einzig eines ihrer kleinen Kätzchen, erzählt die Wirtin, hat den wohl unfreiwilligen Ausbruch aus diesem Dorf-Zeitkontinuum geschafft, entwendet von einem Touristen wenige Tage zuvor. Kurzes Grübeln darüber, weshalb Menschen Katzen klauen und dann geht es zurück auf den einsamen Bahnsteig, auf dem nur ein paar verstreute Gestalten darauf warten, dass die Wagons eine neue Lok angekoppelt bekommen. Die mongolischen Gleise haben ein andere Spurweite als in Russland und so hat die russische Lok hier ausgedient und verschwindet - zurück in die Weiten Sibiriens, wo die Gesichtsausdrücke zuweilen so kalt scheinen, wie das Land. Ein letztes Dosvedanja bei der Passkontrolle im Wagon, dann ruckelt die Bahn aus dem Bahnhof. In der Ferne taucht ein Zaun auf, ein kleines Grenzhäuschen dahinter. Die Mongolei. Kurzer Umstieg am mongolischen Grenzbahnhof. Dann rollt der Nachtzug durch unendliche Weiten dem Sonnenuntergag entgegen, begleitet von Wildpferden und einzelnen Reitern.

 

2. Akt


Einfahrt in Ulaanbataar. Die Kühle der Nacht hat sich auf die Scheiben gelegt. Der Zug kommt zum Stehen. Ein paar eifrige Damen eilen herbei und bearbeiten die schmutzigen Scheiben mit Putzlappen. Ich wische mir den den letzten Schlafsand aus den Augen, klaube meine Sachen zusammen und verabschiede mich von der Großmutter und ihren zwei Enkeln, mit denen wir die letzte Nacht im Abteil verbracht haben. Auf dem Bahnsteig werden die drei freudig von ihrem Onkel empfangen, mit dem ich am Abend zuvor per Handy ein paar Worte wechseln durfte, da er deutsch spricht. Kurz stelle ich mich vor, aber dann müssen die vier auch schon los.

 

Ulaanbataar wie es wächst und gedeiht

Ich sehne mich nach einer Dusche und einem Bett. Unsere Reisebegleiter Alex, Denes und Karina, die wir am letzten Bahnhof in Russland kennengelernt haben, diskutieren eine Weile mit einem Taxifahrer. Währenddessen erwacht der Verkehr in Ulaanbataar. So frisch und kühl die Luft soeben noch war - innerhalb von wenigen Minuten ist sie geschwängert von dem Abgasen der Autos und Roller. Der Taxifahrer willigt ein, fünf Personen mitzunehmen. Das in die Jahre gekommene Auto schlängelt sich durch die Straßen, über die Peace Avenue, bis uns dämmert, dass der Fahrer nicht zu wissen scheint, wo er überhaupt hinfahren soll. Verwunderlich ist das nicht, wächst diese Stadt doch so schnell, wie ein Teenager mit Rückenschmerzen. Die Hälfte der 3 Millionen Einwohner der Mongolei lebt in Ulaanbataar. Hier reihen sich Jurten an Hochhäuser, Shoppingmalls an kleine Gemüseläden und arm an reich. So hell, glitzernd und aufregend die Stadt gerade des nachts auch ist, uns zieht es alsbald aufs Land. Der erste Abend in Abend in Ulaanbataar neigt sich dem Ende. In der Ferne verhallen, während ich langsam die Augen schließe, noch die letzten Detonationen eines Feuerwerks. 

 

3. Akt


Die Steppe, unendliche Weiten. Auf unserem viertägigen Trip mit dem Jeep werden wir auf mehr Pferde als Menschen treffen. Ab und an kann ich in weiter Ferne die Umrisse vereinzelnter Jurten erahnen. Dann starre ich wieder stundenlang nur auf sanfte Hügel und ein schirr endloses Wirrwarr von sandigen Schotterpisten. Irgendwann mal ausgefahren, dann wieder in Vergessenheit geraten. Wieso auch immer die gleiche Strecke nutzen, wenn doch so viel Platz ist, um eigene Spuren zu hinterlassen. (Achtung: Altkluger Kommentar am Rande: Nur 2000 von 42000 Kilometer Straßen in der Mongolei sind asphaltiert.)

 

Nette Freilufttoilette

Die Tage hier sind hell und staubig, die Nächte schwarz und glitzern. Viel Land, kaum Menschen, kaum Lichtverschmutzung. Fernab der großen, jungen, pulsierenden Stadt senkt sich Dämmerung wie eine Haube über das Land. Unsere Guides Udsi und Gerad haben uns ein Nachtlager bei einer mongolischen Familie organisiert. Während Udsi auf dem kleinen Gaskocher ein paar Konserven mit frischgeschnittenem Kohl und Nudeln vermengt, geben sich in der Ferne die letzten, blutroten Sonnenstrahlen ein Stelldichein mit der nahenden Dunkelheit. Die Müdigkeit kommt schnell dieser Tage. In unserer Jurte ist es kalt geworden. Ich zurre meinen dicken Schlafsack enger um mich, lausche den fremden Geräuschen, die ab und an aus der Ferne hallen. Ein strenger Ziegengeruch kriecht von Zeit zu Zeit durch die Ritzen der dünnen Stoffwände. Ich friere. Obschon es tagsüber bis zu 30 Grad warm wird, liegt die Temperatur bei nacht um 0 Grad. Ich müsste eigentlich noch ein mal auf die Toilette, fürchte mich aber ein wenig, weil ich sie schon bei Tag begutachten durfte. Knapp 100 Meter von der Jurte entfernt, den Hügel hinunter, steht ein Bretterverschlag, ohne Dach. Mit zwei Brettern über einem Loch. Ein riskantes Manöver, besonders des nachts. Es geht nun mal nicht anders. Ich puhle mich aus dem Schlafsack, schnalle mir meine Grubenlampe um den Kopf und tappe vorsichtig über die Jurtenschwelle. Ein Moment, den ich so schnell nicht wieder vergessen werde. Über mir ergießt sich das Universum mit abertausenden von Sternen. Atemberaubend. Der Anblick dieser Sternenkuppel entschädigt auch einen Slalomlauf durch Ziegen zur Toilette. Es hat beinahe etwas romantisches.

 

4. Akt


Es ist heiß. Seit wir heute morgen vom Ohdon Nationalpark aufgebrochen sind, scheinen Jahre vergangen zu sein. Mein Hals ist trocken. Aus dem Radio schallen abwechselnd Hits von Modern Talking und kitschige, mongolische Lovesongs. Draußen grast eine Gruppe Kamele. Gerad und Utzi versprechen uns, dass wir im nächsten Dorf einen Stop einlegen und "super leckere", mongolische Eiscreme kaufen. Wir jubeln und warten sehnsüchtig auf die nächsten Häusergiebel in der Ferne. Endlich. Die beiden Guides steigen aus, kommen mit vier verpackten Eis am Stiel zurück! Ein Geschenk von Gerad, dem Fahrer. Wir danken und sind gespannt auf die mongolische Eiscreme: gierig reißen wir das Papier auf!

 

(K)ein Fest für die Sinne

Erwartungsvoll weiten sich meine Augen, als meine Zunge auf die kühle Eiscreme trifft! Irgendwas ist anders als sonst... Der erwartete süße Vanillegeschmack bleibt aus! Meine Gesichtsmuskeln verkrampfen sich - und dann die Erkenntniss: es ist Arag! Fermentierte Stutenmilcheiscreme, aber augenscheinlich ohne Alkoholgehalt, aber dadurch ist der salzig-säuerliche und gleichzeitig ein wenig süße Geschmack, als hätte etwas viel zu lange in der Sonne gestanden, nicht weniger befremdlich! An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich durch meine Zeit als Gastrokritikerin durchaus Erfahrung mit ausgefallenen Eissorten habe! Vor einiger Zeit servierte man in Restaurants gerne mal Tomaten- oder auch Spargeleis in der Menüfolge! Zu Anfang ungewöhnlich, aber sehr bekömmlich! Ganz im Gegensatz zu dem, was sich da gerade auf meiner Zunge abspielt! Meine Augen sind jetzt nicht mehr vor Spannung geweitet, sondern vor Panik: wie zur Hölle soll ich diesen Batzen Gefrorenes verdrücken, um die nette Geste nicht arrogant abzustrafen? Da bleibt wohl nur mein altbewährter Freitagmittagtrick: die Nase verschließen und nur durch den Mund atmen! Diese Fähigkeit habe ich in jahrelangem Training perfektioniert! Jeden Freitag, wenn es bei uns zu Hause mittags Fisch gab, aufs Neue! Das funktioniert ganz gut! Nur vor dem Aufstoßen danach, ist man auch mit dieser Technik nicht gefeit! Ich beiße also panisch und in Windeseile meine Eiscreme bis zum Stöckchen ab und stelle mir dabei vor, dass das Bizzeln auf der Zunge von einem angenehm sauren Zitronenaroma käme! Stolz präsentiere ich Alex, der noch tapfer kämpft, am Ende mein sauberes Holzstäbchen, als auch schon Udsi fragt: "How was it?" Ich setze mein strahlendstes Lächeln auf und lüge schamlos: "It was great!" Just in dem Moment spüre ich es, in meiner Speiseröhre braut sich etwas zusammen! Das muss wohl dieses Karma sein!

 

5. Akt


Ein Zugrestaurant auf der Strecke gen China. Draußen, in der Dämmerung, geht die Sonne über den sandigen Hügeln der Wüste Gobi unter. Im hinteren Teil des Wagons ist soeben die Karaokemaschine angeworfen worden. Immer mehr Mongolen strömen in den Speisewagen. Kein einziger Touri zu sehen. Wir nehmen noch einen letzten Schluck von unserem Bier und wollen die Plätze für die neuen Gäste freimachen. Da fragt ein junger Mongole in perfektem Deutsch, wohin denn unsere Reise gehe. Wir sacken zurück auf unsere Sitze und lassen uns erzählen, dass er zum Schwarzmarkt hinter die Grenze, nach Eren Hot fährt, um dort Schulranzen zu verkaufen. Und, dass er Deutschland wirklich toll findet. Zum Beweis zählt er diverse Fußballclubs inklusive Spielern auf und erklärt, dass er ein Jahr lang an der Volkshochschule Deutsch gelernt hat. Ich bin beeindruckt. Kurzerhand stellt er uns zwei Freunde vor und wir quetschen uns zu Fünft an den kleinen Restauranttisch. Im Hintergrund schmettert ein Mongole inbrünstig und schief einen mongolischen Schlager. Unser neuer Freund möchte uns unbedingt die mongolische Gastfreundschaft beweisen und ordert kurzerhand eine riesige Karaffe Wodka nebst zahlreichen Dosen Cola. Eine gefühlte viertel Stunde später steht schon die nächste Karaffe auf dem Tisch. Wir möchten auch mal was ausgeben, er wiegelt ab. Hier geht es aber ausgescheinlich nicht nur um Gastfreundlichkeit, sondern auch darum, wer mehr verträgt. Ich habe die dumpfe Ahnung, dass wir es nicht sein werden.

 

Höllenkaraokemaschine im Speisewagen

Der junge Mongole ist ganz in seinem Element, schnappt sich das Mikro und stimmt einen Song an. Im Wodkadunst meine ich, einen der mongolischen Schmunzetten aus dem Autoradio wiederzuerkennen und stimme kurzerhand mit ein. Das finden die anderen Fahrgäste anscheinend äußerst unterhaltend und so erheben wir uns von unseren Sitzen und säuseln schmachtend das Liebeslied ins Mikro. Jetzt bin ich Feuer und Flamme und würde gerne noch etwas zum Besten geben. Leider ist die Auswahl an englischsprachigen Songs sehr gering und so bleibt mir nichts anderes übrig als Tom Jones durchs Abteil zum Besten zu geben. Obwohl die Mongolen "Sex Bomb" nicht zu kennen scheinen, kommt meine Performance doch ganz gut an, so glaube ich und verbeuge mich mehr oder minder galant am Ende vor meinem Auditorium. Während wir uns von unseren neuen Freunden verabschieden und uns durch den schwankenden Zug (oder sind wir es) gen Schlafabteil tasten, verklingt im Hintergrund das leise Wummern der Karaokemaschine.

 

 

Peking, ni hao!

 

 

Es ist an der Zeit, unsere kurze Liaison Revue passieren zu lassen. Ich muss sagen, Du machst mich schwach. Zwar hatte ich zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, Dich zu verstehen, aber dass ich mit mehr Fragezeichen im Gepäck Deine engmaschige Kontro... ähm Umarmung verlassen würde, war mir auch nicht klar. Gegensätze solle sich ja angeblich anziehen. Wenn das stimmt, dann bist Du Dein eigener Magnet. Da wir uns so schnell wohl nicht wiedersehen werden, möchte ich Dir gerne hiermit meine drängendsten Fragen stellen.


Zum einen sind viele Deiner Bewohner mit Atemmaske unterwegs. Du hast mir gesagt, das hat u.a. hygienische Gründe. Zum anderen gibt es die "Rotzer". Deren Vorliebe scheint es zu sein, Rotze aus den entlegendsten Winkeln des Körpers lautstark nach oben zu ziehen und mit Schmackes auf den Boden zu spucken. Sind die Atemmasken u.a. eine hygienebedingte Reaktion auf das Rotzen oder ist das Rotzen ein vermeintliches Statement gegen die gefühlt übertriebene Vorsicht?

 

Ich hätte auch eine Frage zum Rauchverbot. Denn da scheinst Du mir etwas an Konsequenz fehlen zu lassen. Gefühlt müsste die Rauchverbotsschilder-Industrie einer der größten Arbeitgeber Deines Landes sein, so viele Schilder und Hinweise hast Du aufgehängt. Einzig und allein es hält sich niemand daran. Ich habe ernsthaft nicht nur ein Mal ein Verbotsschild gesehen, unter dem ein Aschenbecher stand. Ist das vielleicht Deine Art, Dich nicht allzu ernst zu nehmen?


Selbige Inkonsequenz zeigst Du übrigens in Sachen Verkehrsverhalten. Mit geistig weichmachender Konstanz erklärst Du mir mehrsprachig über Lautsprecher, wie ich bei Deiner Metro auf Rolltreppen zu stehen und mich festzuhalten habe. Oberirdisch herrscht hingegen augenscheinliche Narrenfreiheit. Da spazieren sogar Deine Sicherheitsbeamten bei rot über die Straße. Passieren denn mehr schwere Unfälle auf Deinen Rolltreppen, als auf Deinen Straßen?

 

Apropos Sicherheitsbeamte! Davon hast Du ja auch einige eingestellt und wie es mir scheint, ist deren Willkür ein probates Stilmittel, um damit Deine Besucher zu verwirren. Falls ich mich da täusche, dann erkläre mir doch mal bitte folgende Situation: Wir wollten mit der Metro zu Deinem Bahnhof West fahren und haben uns wie gewohnt Deinen flughafenähnlichen Kontrollen am Eingang zur Metro unterzogen. Nachdem meine Gepäckstücke durch den Scanner waren, durfte ich meinen kleinen Rucksack auspacken und unser Mückenspray kam zum Vorschein. Dass Du es mir hast abnehmen lassen, weil ein "Entzündlich-Zeichen" darauf zu sehen war, kann ich zähneknirschend ja noch verstehen. Dass unser Abteilgefährte aber ein in durchsichtige Plastikfolie eingwickeltes Gewehr auf eine 24-stündige Zugreise mitehmen kann, begreife ich nicht.

 
Mach's gut und viel Glück!

Zudem kann ich Dir Deine vermeintliche Weltoffenheit nicht so recht abnehmen. Zum einen versuchst Du seit Jahren, durch sportliche Großereignisse Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz zu versprühen. Zum anderen sperrst Du uns und alle anderen Touristen für zwei volle Tage aus Deiner Innenstadt aus, um ungestört beim internationalen militärischen Schwanzvergleich mitzumachen. Es ist ja richtig und wichtig, an das Ende des zweiten Weltkriegs zu erinnern und damit auch an die Gräueltaten der damaligen Zeit. Aber wäre es nicht sinnvoller, ein paar Tauben in den Nachthimmel zu entlassen, als Gerätschaften auffahren zu lassen, die so viel Unheil brachten, immer noch bringen und dazu einen riesigen Haufen Geld kosten?

 

Letzteres war übrigens auch der Grund dafür, warum ich mich nicht richtig von Dir verabschieden konnte. Wir mussten gehen und Du hattest mit Deiner Militärparade alle Hände voll zu tun. Vielleicht war es aber auch ganz gut so. Denn wer weiß, was Du sonst noch in der Trickkiste gehabt hättest. Nichtsdestotrotz, fühle Dich gedrückt und bestelle Deinen Bewohnern liebe Grüße. 

 

...und für den Fall, dass Du irgendwann einmal nicht mehr so kontrollsüchtig bist - dafür drücke ich Dir alle Daumen - dann melde Dich doch einfach mal bei mir.

 

 

Der Kommandant und die Hustefrau

 


Die Luft über dem Asphalt flimmert. Hastig wuseln Menschen mit vollgepackten Tüten, Koffern und Rucksäcken über den Bahnsteig. Die Schnüre meines Rucksacks schneiden mir in meine Schultern. Mir ist warm. Moskau ist warm. Knapp 30 Grad um genau zu sein. Nur gut, denke ich, dass wir den klimatisierten Zug, die Nummer 2, gebucht haben. Ich versuche mir mit meiner Fahrkarte ein wenig Luft ins Gesicht zu wedeln. Vergebens. Vor mir, am Eingang zu unserem Wagon, staut es sich. Junge Soldaten hieven ein Sixpack Wasser nach dem anderem auf die erste Stufe der schmalen Treppe. Ein eigenartiges Gefühl überkommt mich, wenn ich daran denke, die kommenden Stunden und Tage in einem Wagon voller russischer Soldaten zu verbringen. Anderseits, denke ich,  ist es vielleicht gar nicht so übel, die Typen mit an Bord zu haben. So kommt vielleicht kein komischer Kauz auf dumme Ideen. Diese doch recht naive Annahme meinerseits wird sich im Folgenden noch als sehr falsch erweisen. Bis dahin sollen aber noch ein paar Stunden vergehen.

 

Soldatencamp im Holzklasseabteil

Endlich sind wir an der Reihe und ich halte dem Schaffner in der grauen Bahn-Kluft mein Ticket und meinen Reisepass erwartungsvoll hin. Er checkt beide Dokumente sehr gewissenhaft, nennt meine Sitznummer und weist mit seinem Finger den Weg ins Innere des Wagons Nummer 12. Am Samowar vorbei schlängele ich mich mit meinem Rucksack-Ungetüm so galant wie möglich an den anderen Fahrgästen entlang und scanne die Nummern an den Betten nach meiner ab. Beinahe wäre ich über eine Tasche an meinem Bett Nr. 21 vorbeigestolpert. Eng ists hier. So recht, weiß ich nicht wohin mit meinem Rucksack und wuchte ihn ersteinmal vorsichtig, ohne jemandem mit den Schüren ein Auge auszupeitschen, auf die rote Sitzbank. Im Wagon steht die Luft. 54 Leute in der Holzklasse und keine Spur von Klimaanlage. Ein wenig Panik steigt in mir auf. Naja, das wird schon, denke ich mir. Vielleicht wird die Belüftung erst angeworfen, wenn sich der Zug in Bewegung setzt. Ich sacke neben meinem Rucksack auf den Sitz und versuche, mich so wenig wie nur möglich zu bewegen. Stattdessen lasse ich meine Augen über unseren Teil des Wagons schweifen. Mir gegenüber, durch einen kleinen Tisch getrennt, sitzt ein älterer Herr. Auch hier in Russland scheint Beige eine sehr beliebte Kleidungsfarbe für Menschen über 60 zu sein. Wenn es zwischen den Ländern auch manchmal kulturelle oder politische Barrieren gibt, über die Farbe Beige denken die Rentner dieser Welt wohl ähnlich. Über ihm baumeln die Beine eines jungen Russen im Dolce-und-Gabana-Jogginganzug. Eine hervorragende Idee, denke ich, und nehme mir vor, sobald sich alle Leute auf ihren Plätzen eingerichtet haben, auch meine gemütlichen Sachen aus dem Rucksack zu kramen. Meine Gedanken werden durch das rasselnde Husten der korpulenten älteren Dame auf dem Sitz am Gang unterbrochen. Flink fischt sie ihr Asthmaspray aus der Handtasche, pumpt ein paar Schübe in ihren Rachen und widmet sich dann wieder ihrem Handyspiel. Den Geräuschen zu Folge könnte es Snake sein. Ich bete, dass die Gute ihren Rekord nicht heute knacken möchte. Augenscheinlich werden meine Gebete erhört. Ihr Spiel wird jäh von einer fliegenden Händlerin, die während der Zug noch steht durch die Abteile eilt, unterbrochen. Auch ohne profunde Russischkenntnisse kann ich verstehen, dass sie wirklich sehr passioniert ihre "schönen" Kristallgläser anpreist. Acht an der Zahl. Zu Anfang scheint es, als wolle die Hustefrau abwiegeln. Doch die Händlerin weiß zu überzeugen. Die Hustefrau wuchtet ihre massiven Vorbau nach vorne und beugt sich interessiert über das Kristall im Karton. Ihre wurstigen Finger streichen über das Glas. "Wieviel", scheint sie zu fragen. Die Händlerin nennt einen Preis. Die Hustefrau ist einverstanden und nun im Besitz acht vorzüglicher Gläser, die sie nun keuchend versucht, unter ihrem Sitz zu verstauen. Im Laufe der Zugreise wird sie in Sibirien auch noch ein Paar vorzüglicher, dicker Socken erwerben. Ich hoffe für die Dame, dass es in Russland kein QVC-Pendant gibt.

 

Wenn Zeit keine Rolle spielt

 

Ein Ruck geht durch das Abteil. Der Zug hat sich endlich in Bewegung gesetzt. Neben der Hustefrau werden noch fleißig die großen Wasserträger der Armee hin und her geschoben - auf Dienstreise ist anscheinend Wasser statt Wodka angesagt. Eine Schaffnerin kommt vorbei und reicht uns, der Hustefrau, dem beigen älteren Herren, dem schweigsamen Dolce-und-Gabana-Jungen und den restlichen Fahrgästen abgepackte Bettwäsche. Noch einmal wird es unruhig im Abteil. Emsig werden die Matratzen ausgebreitet und mit den frischen Laken bezogen. Noch kurz das Kopfkissen gerichtet und schon schnarcht die Hälfte der Belegschaft selig. Der Soldat hinter der Hustedame hat der derweil ein Schachbrett gezückt und sich in eine nachdenkliche Pose geworfen. Alles scheint ruhig und angenehm. Auch die Klimaanlage läuft jetzt. Ich richte meinen Blick aus dem Fenster und werde von den vorbeiziehenden Holzhäusern, Feldern und Birken ganz schläfrig. Immer wieder nicke ich ein. Die Welt zieht an mir vorbei und ich hocke mit all den anderen in einem Raum-Zeit-Kokon. Uhren haben ab hier keine Bedeutung mehr. Wir passieren die erste Zeitzone. Die zweite. Noch versuchen wir uns, wie der Zugfahrplan, nach Moskauer Zeit zu richten. Bei Zeitzone vier werden wir nicht mehr wissen, wieviel Uhr es ist. Bei Zeitzone fünf wird es uns egal sein. Zeit hat in der Transsib eine andere Bedeutung. Obwohl wir beschleunigen, entschleunigen wir. Wer Abstand von Stress sucht, sollte die volle Strecke bis nach Vladiwostok fahren. Im Zug hat man so gut wie nie Empfang und je östlicher wir kommen, desto weniger tut sich mal ein freies WLAN-Netz am Bahnsteig auf.

 

Ich lese, starre aus dem Fenster und bekomme Durst. Der beige ältere Mann hat sich längst als Victor vorgestellt und zeigt auf seinen gläserenen Transsib-Teebecher. Ein schönes Exemplar, mit guseisernen Verzierungen. So eines hätte ich auch gern. Ich versuche Victor, der zwar mal vor vielen Jahren für eine Weile in der DDR gearbeitet hat, aber leider nur noch "Gute Nacht" auf Deutsch sagen kann, mit Gesten zu fragen, wo er denn diesen schönen Becher her hat. Er versteht, steht auf und winkt mich hinter sich her. Wir laufen zur Kabine der Schafferin, gleich neben dem Samowar. Der beige Victor ist so freundlich und erklärt der Dame mein Anliegen. Die scheint grantig zu werden. Noch einmal redet Victor auf sie ein. Ich verstehe: Ich hätte schon ganz zu Anfang der Fahrt nach meinem Becherchen fragen sollen. Jetzt denkt die Dame, ich hätte schon einen und wolle noch einen weiteren. Die Tassen sind nämlich ein heißbegehrtes Souvenir und werden mit Argusaugen vom Personal bewacht. Der beige Victor erklärt, dass ich noch keinen habe und, sollte ich nun einen bekommen, ihn brav bei meinem Ausstieg in Irkutsk wieder zurückgeben werde. Die Schaffnerin scheint überzeugt und reicht mir die Tasse. Ich danke Victor und zapfe stolz mein erstes heißes Wasser aus dem Samowar. Zurück am Tisch nippe ich noch ein paar mal an meinem Schlaftee, da fallen mir auch schon langsam die Augen zu und ich schaffe es gerade noch, mir die Ohropax in die Ohren zu drücken und meine Schlafmaske über die Augen zu schieben. Das leichte Ruckeln des Zuges schaukelt mich in einen traumlosen Schlaf. 

 

Mein Nachbar der Soldat

 

In den frühen Morgenstunden wache ich auf. Meine Uhr zeigt 8 Uhr. Moskauer Zeit. Draußen steht die Sonne schon am höchsten Punkt - nach Ortszeit muss es schon viel später sein. Egal. Ich stapfe zum Samowar, um mir einen Kaffee zu zapfen. Mit meinem Becher in der Hand steige ich über diverse Soldatenbeine. Leise höre ich es wispern: "Njemzui" - "Deutsche". Die Jungs scheinen schon etwas länger keine Frau mehr gesehen zu haben, so intensiv schauen sie. Langsam wird es unangenehm. Das ist mir gestern gar nicht so aufgefallen. Ich beschleunige meine Schritte. Am Samowar stehen zwei weitere Soldaten. Während ich zapfe, fragt mich der eine recht freundlich auf englisch, wo ich den hinreise. Die sind doch gar nicht so eigen, denke ich mir und antworte freundlich: "Nach Irkutsk." Wir plaudern noch etwas und der junge Mann versichert mir, dass, wenn ich einmal Hilfe bräuchte, er mir immer gerne helfen würde. "Nett", denke ich und mache mich auf den Weg zu meinem Platz. Auf meinem Rücken spüre ich die Blicke der Anderen und das freudige Gefühl, weicht wieder einem leichten Unwohlsein.

 

Während ich vorsichtig in meinen Becher puste und ab und an daran nippe, fällt mein Blick auf den Soldaten neben der Hustefrau. Seine Wangen haben sich ganz rot gefärbt und er spricht ungewöhnlich laut. Komisch, gestern wirkte er noch so ruhig und nachdenklich. Ob er wohl sauer ist? Er scheint der Kommandant der Truppe zu sein. Vielleicht hat einer seiner Kadetten etwas verbockt? Jetzt brüllt er beinahe, immer wieder das gleiche Wort: "Obama!" Eigenartig, denke ich, aber na gut, das russisch-amerikanische Verhältnis ist ja nun mal nicht das beste. Ein Kadett eilt herbei. Seine Hautfarbe ist eine Nuance dunkler als die der anderen. Langsam dämmert es mir: Der Kommandant hat nicht über den amerikanischen Präsidenten geredet. Er will vielmehr einen Löffel von dem jungen Kadetten gebracht bekommen, den er augenscheinlich nach dem Staatsoberhaupt benannt hat. Die Hustefrau raunzt dem Kommandanten etwas zu. Ich denke, sie will, dass er leiser spricht. Der Kommandant lässt sich nicht beirren und raunzt zurück. Ich stecke mir meine Ohropax ins Ohr und dämmere weg.

 

Wodka statt Selters, bis einer fehlt

 
v.l. Dolce-und-Gabana-Junge, Kommandant, Hustefrau

Geschrei weckt mich. Ein Ohrstöpsel ist rausgefallen. Der Kommandant schreit nach Obama. Er hat eine Colaflasche verschüttet und die muss aufgewischt werden. Seine Augen sind glasig. Ich beginne zu begreifen: Der Kommandant ist rabenvoll. Mir ist nur nicht ganz klar, wie er es geschafft hat, diesen Zustand zu erreichen. Ich habe nicht einmal eine Flasche Hochprozentiges auf seinem Tisch gesehen, nur sehr häufig eine Limonadenflasche. Da muss ihm wohl jemand etwas ins Glas geschüttet haben. Wahrscheinlich er selbst. Heimlich. Die Hustfrau ist sauer. Sie hat Cola auf ihre Leggings bekommen. Auch der beige Victor und der schweigsame Dolce-und-Gabana-Junge scheinen genervt. Ein älterer Herr mit Schnauzbart kommt vorbei und ermahnt den Kommandanten. Für ein paar Minuten kehrt Ruhe im Abteil ein. Aber schon eine kurze Weile später benimmt sich der Kommandant wieder wie ein vollkommener Idiot. Ich glaube, die Hustefrau wünscht sich die Miliz herbei, ich mir den Schlaf und stecke mir wieder meine Ohropax ins Ohr.

 

Als ich am folgenden Morgen erwache, ist der Platz des Kommandanten bis auf seine Jacke und das Schachspiel leer. Mein Reisekumpane Alex klärt mich auf: Des Nachts, während ich tief und fest schlief, haben schwarz-unifomierte Gestalten den Kommandanten, nur mit einer Boxershorts bekleidet, mitgenommen.
 
Er ward nie mehr gesehen.

Die Wünsche der Hustefrau scheinen erhört worden zu sein.

 

 

Bei Langeweile Tribünenpogo

 

 

In einer Stunde soll der Tabellenführer ZSKA Moskau die nicht ganz so nahen Nachbarn Amkar aus Perm empfangen. Da das Luschniki momentan renoviert wird, findet das Spiel in der ca. 20km nördlich gelegenen Chimki Arena statt. Das Stadion kann man getrost als lieblos-funktional bezeichnen. Es versprüht in etwa so viel Charme wie der Brita-Stall zu Wiesbaden, nur dass mehr Beton statt Blech verarbeitet wurde. Ähnlich robust sieht das Vorprogramm aus: Zwar verzichtet man auf diverse Danksagungen an lokale Energieerzeuger und Wirtschaftsgrößen, dafür werden die Tribünen mit schwerster elektrischer Schrottmusik zugepumpt, so dass sich die Frage stellt, ob man auf einer Großbaustelle sei oder im Zappelbunker stehe. Püntklich zum Spielbeginn wachen die Kurven auf. Mit mächtig lautem Wechselgesang beider Hintertortribünen werden Amkars Ohren erst einmal zum Wackeln gebracht. So können die Zuschauer die Verunsicherung der Gäste förmlich greifen und zwangsläufig folgt das erste Highlight gleich in der ersten Minute: Flanke aus dem Halbfeld, drei (!) Permer rennen sich gegenseitig um und ZSKA-Stürner Musa kann nur noch regelwidrig im 16m-Raum gestellt werden. Den Strafstoß verwandelt Natkho humorlos. Der Rest des Spiels ist schnell erzählt: Perm kann nicht, ZSKA will nicht. Eine strammer Schuss aus 18 Metern nach schöner Körpertäuschung von Tosic bringt das 2:0 kurz vor dem Pausentee. Apropos Körpertäuschung: Musa hat einen rabenschwarzen Tag. Bei jeder Aktion täuscht er nicht nur den Gegner, sondern sich gleich mit, tritt Luftlöcher und verstolpert etliche Chancen allein vor dem Tor. Erwähnenswert ist lediglich noch der Heiterkeit verbreitende Tribünenpogo hinter den Toren in Halbzeit zwei. Dass der eine oder andere begnadete Tänzer dabei kopfüber ein paar Sitzreihen nach unten marschiert, wird augenscheinlich gerne in Kauf genommen. Abpfiff, Abreise, alles gediegen. 

 

Funfact: Im ganzen Stadion gab es keinen Alkoholausschank und die Sicherheitskontrollen hinsichtlich Zuschauertauglichkeit waren eigentlich auch nicht ohne. Das hat einen Sportsfreund allerdings nicht davon abgehalten, sich - wie auch immer - kurz vor dem Halbzeitpfiff so zu verdichten, dass er von seiner weiblichen Begleitung gestützt und nach draußen gebracht werden musste.

 

Vielleicht hat ihm das Feuerwasser aber auch orakelt, dass auf dem Platz nicht mehr viel passieren wird?

 

 

Lost and Found in Sankt Petersburg

 

 

 

Wenn man ein Jahr auf Reise geht, ist das getrost als besonders zu bezeichnen! Ebenso spektakulär und nicht weniger sollte ein solches Abenteuer beginnen - und das ist es wahrlich: In diesem Falle ohne Gepäck, denn das ward verloren auf unserem Transferflug von Düsseldorf über Moskau nach St. Petersburg! Irgendwo im Airportorbit verlebten unsere sauberen Unterhosen ein großes Abenteuer! Leider ohne uns! Ich hatte mich ja schon vor der Reise seelisch darauf eingeschossen, in den kommenden Monaten nur aus der doch recht begrenzten Auswahl meines Rucksackkleiderschrankes wählen zu können - aber sich direkt zu Anfang so gehen lassen zu müssen und mehrere Tage in den selben Klamotten rumzulaufen, war nicht geplant. Das traut sich unser eins vielleicht mal auf'm Festival oder gar beim Lamareiten im Nirgendwo, nicht jedoch auf einem Städtetrip durch St. Petersburg! Eine Qual für die Hostelmitbewohner und langsam auch für uns! Schon allzu bald wird ein frischer Schlüpfer zu einem Luxusgut, das es schleunigst zu erwerben gilt! Nicht allein der Sorge halber, den Petersburgern noch mehr auf den Senkel zu fallen, sei es nur durch ein strengen Geruch, als wir es jetzt schon tun! Denn besonders gut kommen wir hier nicht an. Eigentlich aber auch kein anderer Reisender und augenscheinlich noch nicht einmal die Russen untereinander. Herzlichkeit ist bis dato ein Recht rares Gut auf unserer beginnenden Reise! Bei dem Versuch, diesem Zustand Abhilfe zu leisten, stoßen wir leider aber auch auf wenig Unterstützung: 

 

"Is there any chance to get a voucher or money for a toothbrush and some shampoo?"

 

 Antwort von der recht genervten Dame am Servicedesk von Aeroflot, die gelangweilt ihren Kopf auf ihren Ellebogen stützt: 
"What do you want?".

 

Irritierte Antwort meinersteits: 
"To wash myself!" 

 

Antwort Desklady:
"So what do you want?"

 

10 Minuten und dieselbe Antwort 10 mal später:
"No!"

 

"Spasibo!" - für nichts!

 

Vor Reiseantritt nach Russland hatte ich in einigen Reiseführern gelesen, dass Russen häufig sehr zurückhaltend, gar ein wenig ruppig wirken können, aber eigentlich tief im Innern ganz herzliche Kumpanen seien! Nun, wir gehören augenscheinlich nicht zu dem erlesenen Kreis, dem diese berühmte Herzlichkeit zu Teil wird! In jedem Fall spüren wir diese nicht annähernd latente, sondern frank und frei offen zur Schau gestellte Genervtheit nicht nur bei der Aeroflot-Lady, sondern auch gerne immer wieder bei den U-Bahn-Ticket-Damen, die per se wohl nur einen fristlosen Vertrag bekommen, oder gar bei einen internen Wettkampf Tagessieger werden, wenn sie möglichst griesgrämig drein schauen. Wir aber sind ebenso stoisch, lassen uns davon nicht beirren und tragen immer noch tapfer unser "können sie uns vielleicht helfen, wir sind schrecklich höfliche junge Menschen"ins Gesicht gemeißelt! Eine vollkommen unnötige Geste, denn dieses anscheinend sehr aufdringliche Lächeln scheint eher verstörend auf die russische Bevölkerung zu wirken. Da es mit unserem Russisch aber nicht sehr weit her ist und mit dem Englisch der Russen leider auch nicht, bleibt uns nur unser nach ein wenig Zuneigung heischendes Lächeln und unser beinahe schon manisch daher genuscheltes "Spaciba" oder auch  "Isvinitje" - "Entschuldigung". Letzteres benutze ich so inflationär, man könnte meinen, ich wolle meine Existenz bei jedem griesgrämig vernichtenden Blick, der mich trifft, entschuldigen und mich am liebsten sofort aus dem Blickfeld trollen! Eine dumme Angewohnheit! In einem Artikel las ich einmal, dass im Russlandreiseführer kein Wort für Entschuldigung stünde - das kann ich nicht verifizieren, da wir ohne reisen, aber überflüssig ist das Wort hier allemal!

 

Wer Lost sagt, muss auch Found sagen

 

Nicht nur ein Mal fühlen wir uns ein wenig wie unser Gepäck: Verloren! Täglich bitten wir unsere Hostelempfangsdamen und -herren darum, beim Lost and Found im St. Petersburger Flughafen anzurufen. Täglich bekommen die Mitarbeiter die gleiche Antwort: Niemand weiß etwas! Jeden Tag riechen wir ein wenig mehr! Meine stoische Gelassenheit und der Glaube an das Gute im Menschen beginnen langsam aber stetig ein wenig zu leiden. Aber wie es nun ein mal so ist, dieses Leben, gibt es ja, und dafür werfe ich gerne fünf Euro ins Phrasenschwein, immer zwei Gesichter, Seiten der Medaille usw.. Denn so verloren wir in Russland oft sind, so geben uns eine handvoll Menschen ab und an das Gefühl, gefunden zu werden. Sie nehmen uns an der Hand und helfen uns in Situationen, in denen wir uns vorkommen, als hätten wir soeben erst das Elternhaus verlassen und gelernt auf eigenen Füßen zu stehen. Wie zum Beispiel die junge Russin Dascha, die uns nach einer dreistündigen, verzweifelten Suche nach unserem Hostel (das zu diesem Zeitpunkt dort schon gar nicht mehr existierte, aber es auch niemand für nötig befand uns darüber zu informieren) unter ihre Fittiche nimmt. Anstatt den Weg zu erklären, führt sie uns kurzerhand durch St. Petersburg zu unserem Hostel und lässt es sich nicht nehmen, uns sowohl eine kleine Einführung in die Stadtgeschichte als auch ihre Kontakdaten für etwaige Problemsituationen zu geben. Diesen wirklich tollen Menschen möchten wir danken und haben ihnen deshalb eine eigene Rubrik gewidmet: Human of the week! Ein Foto und ein kleiner Text dazu sollen in den kommenden Wochen unsere gemeinsamen Geschichten schildern. 

 

Und wer sich nun fragt: "Und was zur Hölle, ist jetzt aus deren Gepäck geworden?" Es wurde gefunden. Schon am Tag nach unserer Ankuft. In St. Petersburg. Es hielt nur wieder niemand für nötig, Bescheid zu geben. Zu dumm nur, dass wir jetzt schon in Moskau waren. Immer noch in den selben Klamotten. Nach einigem Hin und Her mit der Fluggesellschaft wurden die Rucksäcke dann zum Moskauer Flughafen Sheremetyevo geflogen und wir durften sie dann dort abholen. Natürlich nicht ohne knapp 1 1/2 Stunden von einem Schalter zum nächsten geschickt zu werden, um dann am Ende bei zwei genervten Damen mit sauertöpfischen Mienen in den Katakomben des Flughafens nach langem Warten, freudestrahlend unsere langver-missten Kameraden wieder auf den Rücken schnallen zu können.

 

 

Auf ausgetretenen Pfaden zu neuen Abenteuern

 

 

Als Kind habe ich es geliebt, durch unbekanntes Terrain zu stromern. Mein kleines Herz hüpfte ein wenig schneller, wenn ich einen schmalen, beinahe nicht erkennbaren Pfad fand. An diesen Stellen war das Gras leicht heruntergedrückt, manchmal schon gelblich verdorrt und es lugte die schottrige Erde hervor. Es gab nichts Schöneres und Abenteuerlicheres für mich, als diese Wege auf nackten Füßen, wenngleich auch mit vorsichtigen Schritten, zu begehen – in der Hoffnung, am Ende auf eine schattige Lichtung oder einen kleinen Bach zu stoßen. Heute erscheinen die ausgetretenen Pfade im ersten Moment weit weniger spannend, als sie einst waren. 

 

Als mein Reisekumpane und Freund Alex und ich vor zwei Jahren beschlossen, dieses Abenteuer zu wagen, empfand ich besonders Südostasien als einen Teil der Welt, in dem schon jeder gewesen zu sein schien. Lauter ausgetretene Pfade von Backbackern, wie wir es welche sein könnten. Eine unangenehme Vorstellung, die der Reise eine Spur ihrer Besonderheit zu nehmen schien. Bis mir klar wurde, dass es vollkommen egal ist, wieviele Menschen diesen Pfad schon gelaufen sind. Für mich wird es das erste Mal sein. Ich werde die Dinge am Wegesrand sicherlich oft mit den gleichen Augen betrachten, wie die Reisenden vor mir. Dennoch wird es für mich neu sein und die Spannung, was sich hinter der nächste Biegung verbirgt und ob sich am Ende eine Lichtung auftut oder der Pfad abpruppt endet, bleibt.

 

Huch! Ich muss weg, in Ulaanbataar ist grad Feuerwerk...

 

Kommentare

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  • Nicole Döring (Sonntag, 08. November 2015 19:34)

    Hallo Katharina und Alex,

    es freut uns von Euch zu hören. Wir sind auch wieder gut zu Hause angekommen. Unsere Zeit in Irkutks, am Baikalsee, in der Mongolei und in Peking war auch noch sehr schön.

    Euch noch alles Gute. Genießt die Zeit!

    Viele Grüße aus München
    Nicole, Thorsten und Sina

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